Aquaristisch spielt die Gattung Labeo kaum eine Rolle; die meisten Arten werden groß (30-50 cm), haben farblich wenig zu bieten und gelten zudem als streitsüchtig. Die früher zu Labeo gezählten kleineren und bunten Arten, wie der Feuerschwanz, werden aktuell in der Gattung Epalzeorhynchos klassifiziert. Echte Labeo-Arten gibt es in Asien und Afrika. Nur wenige Menschen sind sich darüber bewusst, dass es die stattliche Anzahl von 108 Labeo-Arten gibt, etwas über 80 davon leben in Afrika. Darum ist es ein schwieriges Unterfangen, die manchmal als Jungtiere mitgeschickten Afrikanischen Labeo richtig zu bestimmen. Aber manchmal ist es auch recht leicht. Die einzige aquaristisch halbwegs relevante Art ist die gescheckte OB-Morphe von Labeo cyclorhynchus, die unter ihrem Synonym L. variegatus ab und zu importiert wird. Ebenfalls relativ unverwechselbar, allerdings viel, viel seltener im Angebot ist Labeo longipinnis.

Die Kombination aus segelförmiger Rückenflosse, dem sehr kurzen , aber dafür ausgesprochen hohen Schwanzstiel, zumindest bei Jungtieren einem großen dunklen Fleck auf der Schwanzwurzel und roten Tupfen auf jeder Schuppe (das kleinste Tier, das wir bislang zu Gesicht bekamen, war etwa 5 cm lang) gibt es kein zweites Mal im Kongo. Es gibt zu L. longipinnis ein unter Fischkundlern recht bekanntes Synonym, nämlich Labeo velifer. Beide Arten wurden von Boulenger aus dem oberen Kongo beschrieben, L. velifer anhand über 40 cm langer (Totallänge, also inklusive Schwanzflosse) Tiere, L. longipinnis anhand eines etwa 17 cm langen Exemplares. Zähl- und Messwerte sind bei beiden Arten gleich, jedoch fand Boulenger in den Mundwinkeln von L. velifer ein Paar kleiner Barteln, bei L. longipinnis nicht. Schon früh zweifelte man daran, dass das ausreicht, um zwei Arten zu rechtfertigen. Bereits 1917 legte man darum L. longipinnis als den zu verwendenden Namen fest, da beide Arten gleichzeitig in der gleichen Arbeit von 1898 beschrieben worden waren, die beiden Namen also gleichwertig sind. Es dauerte aber immerhin bis zum Jahr 1995, bis die Artgleichheit der beiden Labeo durch Tshibwabwa & Teugels letztendlich festgeschrieben wurde. Große Ähnlichkeit besteht mit Labeo coubie aus dem Niger (siehe https://www.aquariumglaser.de/fischarchiv/labeo_coubie_de/), der jedoch einen viel längeren und schlankeren Schwanzstiel hat.
Aufgrund der erreichbaren Endgröße von über 40 cm ist Labeo longipinnis ein prächtiges Tier für sehr große Aquarien und Schauanlagen. Interessanterweise sind sie untereinander ziemlich friedlich. Es kommt zwar ständig zu sehr kurzen Verfolgungen (wobei durchaus auch kleine und schmächtige Tiere gut doppelt so große Individuen verfolgen können), aber das Ganze hat eher spielerischen Charakter; wir würden diese Art bezüglich des Verhaltens am ehesten z.B. mit Tropheus-Buntbarschen vergleichen. Ähnlich wie diese brauchen sie offenbar einen sozialen Verband, innerhalb dessen sie jedoch ständig etwas zanken. Interessant ist auch, dass die Wildfänge niemals völlig intakte Flossen haben. Die glatten Ränder der Flossen weisen darauf hin, dass Labeo longipinnis wohl zu den bevorzugten Opfern der auf Flossenfressen spezialisierten Salmler der Phago-Verwandtschaft zählen. Diese Flossenverletzungen heilen schnell und ohne Spuren zu hinterlassen wieder aus und dürften nach wenigen Wochen vollkommen verschwunden sein. Im Aquarium sind Labeo-Arten wenig wählerisch, was das Futter angeht und fressen fröhlich alles mit, was anderen Fischen auch schmeckt. Jedes als Trinkwasser geeignete Wasser eignet sich auch zur Pflege von Labeo longipinnis. Die Wassertemperatur kann sich im Bereich zwischen 22 und 28°C bewegen.
Für unsere Kunden: Labeo longipinnis hat Code 142603 (6-8 cm) und 142604 (8-10 cm) auf unserer Stockliste. Bitte beachten Sie, dass wir ausschließlich den Großhandel beliefern.
Literatur:
Boulenger, G. A. (1898): Matériaux pour la faune du Congo. Poissons nouveaux du Congo. Deuxième Partie. Elopes, Characins, Cyprins. Annales du Musee du Congo (Série Zoologie) v. 1 (fasc. 2): 21-38, Pls. 10-19.
Boulenger, G. A. (1909): Catalogue of the fresh-water fishes of Africa in the British Museum (Natural History). v. 1: i-xi + 1-373
Liyandja, T. L. D. & M. L. J. Stiassny (2023): Description of two new Labeo (Labeoninae; Cyprinidae) endemic to the Lulua River in the Democratic Republic of Congo (Kasai ecoregion); a hotspot of fish diversity in the Congo Basin. American Museum Novitates No. 3999: 1-22.
Tshibwabwa, S. M. & G. G. Teugels (1995): Contribution to the systematic revision of the African cyprinid fish genus Labeo: species from the Lower Zaire river system. Journal of Natural History v. 29 (no. 6): 1543-1579.
Text & Photos: Frank Schäfer


