Characidium cf. ortegai

5. Juni 2026

Wir haben es schon gelegentlich erwähnt: die Bestimmung von Characidium-Arten ist eine unerfreuliche Angelegenheit. Insgesamt werden gegenwärtig (2026) 88 Arten allgemein anerkannt, von denen rund 30 in den letzten 10 Jahren beschrieben wurden. Vor allem mit der Kenntnis der „alten“ Arten ist es nicht weit her. So weiß man bei einem Neuimport nie so recht einzuschätzen, ob es sich bei den Tieren um eine bereits beschriebene oder um eine wissenschaftlich unbekannte Art handelt. Ganz konkret haben wir einen niedlichen neuen Bodensalmler aus Peru importieren können. Über den Fundort ist nichts näheres bekannt. Insgesamt sind aus Peru erstaunlich wenige Characidium-Arten bekannt, nämlich nur 12: Characidium etheostoma, C. geryi, C. jivaro, C. ortegai, C. pellucidum, C. pteroides, C. pumarinri, C. purpuratum, C. roesseli, C. steindachneri, C. sterbai und C. zebra.

Unser Neuimport passt farblich sehr gut zu der erst vor wenigen Wochen publizierten neuen Art Characidium ortegai. Diese kleine Spezies wurde aus dem Ucayali-Einzug in Peru beschrieben; das größte bislang bekannte Exemplar hat eine Totallänge von 43,8 mm (Standardlänge ohne Schwanzflosse 34,8 mm). Doch leider gibt es einen Haken: Arttypisch für C. ortegai ist das Fehlen der Fettflosse, ein innerhalb der Gattung seltenes Merkmal. Bei unseren Tieren ist die Fettflosse dagegen gut ausgeprägt vorhanden. Nun bleiben drei Möglichkeiten: 1. Es handelt sich bei unseren Tieren um eine Population von C. ortegai mit Fettflosse (so etwas ist von anderen Salmlern durchaus bekannt). 2. Es handelt sich um eine andere der oben aufgezählen 12 Characidium-Arten (wobei die meisten nicht in Frage kommen, weil sie eine Zeichnung aus senkrechten Binden am Körper haben) und 3. Es handelt sich bei unseren Tieren um Angehörige einer wissenschaftlich noch nicht erfassten, neuen Art. Wir haben uns für Möglichkeit 1 entschieden, auf die Gefahr hin, uns später einmal korrigieren zu müssen – aber diese Gefahr besteht schließlich bei allen drei genannten Optionen gleichermaßen. Um unsere Unsicherheit auszudrücken, haben wir noch das Kürzel „cf.“ zwischen Art- und Gattungsnamen platziert. Es bedeutet „confer“, also „vergleiche mit“.

Ganz im Gegensatz zu der schwierigen Bestimmung ist die Pflege der neuen kleinen Bodensalmler sehr leicht. Unsere größten Exemplare – vermutlich Weibchen – sind etwa 3 cm lang (Totallänge). Auf den ersten Blick scheint die Zeichnung lediglich aus einem dunklen Längsband auf hellem Grund zu bestehen, am Ansatz der Schwanzflosse befindet sich der gattungstypische schwarze Punkt, alle Flossen sind transparent farblos. Doch schaut man genauer hin, so erkennt man, dass sich innerhalb des Längsbandes Flecken befinden und manchmal in der hinteren Körperhälfte auch dünne senkrechte Streifen. 

Untereinander und gegen artfremde Fische sind C. cf. ortegai völlig friedlich. Sie akzeptieren jedes handelsübliche Zierfischfutter passender Größe. Pflanzen werden nicht beschädigt. Besondere Ansprüche an die Wasserzusammensetzung konnten wir nicht feststellen. Wir pflegen sie bei Temperaturen zwischen 22 und 26°C, wobei sie sich offensichtlich wohl fühlen.

Für unsere Kunden: die Tiere haben Code 215561 auf unserer Stockliste. Bitte beachten Sie, dass wir ausschließlich den Großhandel beliefern.

Literatur:

Oliveira-Silva, L., R. Britzke, V. Meza-Vargas, M. H. Hidalgo, D. Faustino-Fuster, C. Oliveira & A. M. Zanata (2025): Morphological and molecular evidence reveals a new species of Characidium from the Ucayali-Urubamba Piedmont, Peru, and novel molecular clades are proposed within the genus. Journal of Fish Biology v. 108 (no. 2): 584-595.

Text & Photos. Frank Schäfer