Der Rio Uruguay ist mit seinen rund 1.800 km Länge ein großer Strom. Er bildet über weite Strecken die Grenze zwischen den Staaten Brasilien, Argentinien und Uruguay. In seinem Unterlauf vereinigt er sich mit dem Rio Paraná zum Rio de la Plata. Das Einzugsgebiet des Rio Uruguay ist also gewaltig. Der Anteil endemischer, also nur dort vorkommender, Fischarten ist hoch. Speziell die Hechtcichliden haben im Rio Uruguay und seinen Zuflüssen eine hohe Artenvielfalt ausgebildet. Die Arten sind zum Teil sehr jung und können oft mit genetischen Methoden (DNS-Analyse) nicht unterschieden werden, sehen aber deutlich unterschiedlich aus. Man spricht in solchen Fällen von Artenschwärmen. Sie haben alle eine gemeinsame Urform, von der sie sich erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit abgespalten haben. Untereinander können sich viele solcher junger Arten noch fruchtbar kreuzen, zumindest in der ersten Generation. Aus solchen Kreuzungen können unter bestimmten Umständen neue Arten entstehen. Man spricht dann von hybridogenen Arten. Im Rio Uruguay stellt der so genannte Crenicichla missioneira-Artenkomplex einen solchen Artenschwarm dar. Er umfasst acht Arten, die jünger als etwa 2 Millionen Jahre sind. Eine davon ist Crenicichla tendybaguassu, die sofort wegen ihrer Wulstlippen ins Auge sticht. Die Arten des Crenicichla missioneira-Artenkomplexes stehen nach wie vor in der Gattung Crenicichla, allerdings in einer Untergattung: Lacustria.

Die seltsamen Wulstlippen von Crenicichla tendybaguassu werfen natürlich sofort die Frage auf, wozu sie denn gut sind. Das Phänomen der Wulstlippen tritt innerhalb der Buntbarsche (Cichlidae) verschiedentlich auf und zwar bei miteinander nicht näher verwandter Arten. Im Tanganjikasee lebt z.B. Lobochilotes labiatus, im Malawisee gibt es gleich mehrere Arten mit wulstigen Lippen, von denen Cheilochromis euchilus am bekanntesten ist. Im Viktoriasee ist es Haplochromis chilotes und im mittelamerikanischen Nicaragua-See Amphilophus labiatus, die derartige Wulstlippen entwickeln. Eine wirklich überzeugende Erklärung für das Phänomen gibt es nicht, lediglich Spekulationen. Man geht aber davon aus, dass es sich um Anpassungen an die Ernährung handelt. Magenuntersuchungen von Crenicichla tendybaguassu haben gezeigt, dass diese Art in der Natur vor allem Insektenlarven frisst. Im Aquarium wühlt die Art gerne im Boden nach Futter. Es gibt übrigens noch eine zweite Art von Wulstlippen-Hechtbuntbarsch: Crenicichla tuca aus dem Rio Iguazú.
Crenicichla tendybaguassu wird etwa 20 cm lang, gehört also zu den mittelgroßen Hechtbuntbarschen. Im Hobby ist er eine absolute Rarität. Die Geschlechter sind nur geringfügig unterschiedlich; Männchen besitzen eine stärkere Tüpfelung der weichen Teile der Rückenflosse und der Schwanzflosse, jedoch ist das bei den relativ jungen Tieren, die wir importieren konnten (12-14 cm lang) kaum zu erkennen. Bei den fotografierten Tieren erkennt man das Männchen an den Punkten unterhalb des Auges, die beim Weibchen fehlen. Untereinander sind C. tendybaguassu halbwegs verträglich, aber man muss sie gut im Auge behalten. Das Pärchen im Fotoaquarium schwamm zunächst ganz gut miteinander, doch das Männchen bekam immer wieder einmal „Wallungen“ und schob das Weibchen mit weit geöffnetem Maul durch das Becken. Es kam zwar zu keinen Beschädigungen, aber wir trauten uns nicht, die zwei über Nacht ohne Aufsicht zusammen zu lassen…
Für unsere Kunden: Die Art hat Code 673544 auf unserer Stockliste. Bitte beachten Sie, dass wir ausschließlich den Großhandel beliefern.
Text & Photos: Frank Schäfer


